Mir fällt es noch schwer meine Gedanken und Gefühle zu sortieren. Ich bin fassungslos schockiert. Emilia Roig, 40 Jahre jung, Politikwissenschaftlerin, Autorin und Aktivistin stellt mein Leben nach knapp 100 Seiten mal eben auf den Kopf. (Das Buch ist für mich noch nicht ausgelesen. Wir befinden uns im ersten Drittel.) Grundlage für die folgenden Zeilen, ist das Kapitel 5 des Buches. Roig baut ihr Buch bis dato, für mich, strategisch klug auf: auf eine Einleitung, folgt die Fragestellung, ob man das Buch braucht, wenn man glücklich verheiratet/vergeben ist, weiter zu der Erklärung warum wir Frauen lernen uns nach der Ehe zu sehnen, um weiter über die Dominanz der Paare und die heilige Kernfamilie in Kapitel drei und vier zu philosophieren.
Für ein besseres Verständnis und ein leichteres Einordnen, erzähle ich euch wie meine eigene persönliche Situation aussieht. Ich bin eine junge Frau in den Mittzwanzigern, die neugierig, gleichberechtigt und frei sein will und sich das für alle Menschen wünscht. Der Wunsch einer Feministin. Ich werde von meinem aktuellen Partner nicht unterdrückt oder zu Sachen angehalten, nach denen ich mich nicht fühle. Ich habe mich (freiwillig?!) dazu entschieden, in einer heterosexuellen monogamen Beziehung zu leben.
Oder hat mich die patriarchale Struktur viel mehr dazu gebracht, zu denken und zu fühlen, dass das die Einzig „Richtige“ Lebensform ist?
Und warum schockiert mich dieses Kapitel über Emotionale Arbeit so sehr? Emilia Roig legt den Finger in die Wunde, in unsere selbst geschaffenen privaten Comfort-Zonen, in meine „freiwillig-ausgesuchte“ heterosexuelle monogame Beziehung. Und nicht nur in diese eine sexuelle Liebesbeziehung, sondern sie weitet es aus und zieht jegliche Beziehungen in unserem Leben ein. Es geht um unser eigen geschaffenes soziales Gefüge. Der Appell ist klar und deutlich: Um uns aus der patriarchalen Struktur zu befreien, sollten wir nicht vor unserer eigenen Tür Stopp machen und uns in wohlig, warmer Sicherheit wiegen.
Der Titel des fünften Kapitels lautet „Die unsichtbare, unbezahlte, unentbehrliche Arbeit der Frauen“ und ab Seite 106 geht es um „Emotionale Arbeit: Selbstverständlich und unsichtbar“, eingeleitet mit einem Zitat von
Jean Jaques-Rousseau: Deshalb soll sich die ganze Erziehung der Frauen um die Männer drehen. Ihnen Gefallen einzuflößen und zu nützen, sich bei ihnen beliebt zu machen und in Ehren zu stehen, sie in der Jugend zu erziehen, und wenn sie herangewachsen sind, für sie zu sorgen, ihnen mit Trost und Rat beizustehen, das Leben zu verschönern und zu versüßen: das sind die Pflichten der Frauen zu allen Zeiten, auf die man sie von Kindheit an aufmerksam machen soll.
Jetzt könnte hier sowas stehen, wie das Zitat darf man im zeitlichen Kontext verstehen und einordnen. Aber Heute ist mir nicht nach verständnisvollem Einordnen und sachlichen Kontexten, sondern nach Wut und die brennende Neugier auf andere Lebensformen. Ich feiere Roig dafür, dass sie diese Zeilen ausgewählt hat, um mit dem Kapitel über Emotionale Arbeit aufzuklären. Sie bringen es vielleicht nicht zeitgemäß auf den Punkt, aber sie erwecken Emotionen. Und das ist mehr als notwendig.
Emotionale Arbeit, ist die Arbeit die unsichtbar und selbstverständlich ist. Tausend mal gehört, am Rande wahrgenommen, nie richtig verstanden oder darauf eingegangen.
Frauen sind da um die Bedürfnisse der anderen zu erfüllen. Uns wird beigebracht, dass wir unsere Bedürfnisse nicht erfüllen sollen, sondern die der anderen.
Ich habe es bereits unbewusst in unzähligen Gesprächen benannt. Meine Freunde*innen kennen es. Das Hintergrundrauschen. Das ständige Anpassen und Einfühlen für meine Umwelt. Mich begleitete während meiner fünfjährigen Psychotherapie genau eine Frage, jede Woche aufs Neue. Was willst du, Joana? Ich halte sehr viel von meiner Psychotherapeutin. Doch wäre es nicht für die ganze Menschheit von Vorteil, dass wir erfahren, dass wir aus der individuellen Problem-Lösungs-Ebene emporsteigen dürfen und erkennen dürfen, dass es ein großes strukturelles systematisches Problem ist?
Ich möchte und wünsche es mir für uns, dass wir uns wieder mehr als etwas lebendes und wandelbares in einem zusammenhängenden Kontext verstehen, den die Menschen vor uns beeinflusst haben und den wir wandeln und bearbeiten können, wie wir es wollen.
Wir sind nicht gezwungen in traditionellen Konserven zu versauern. Wir dürfen uns die Scheuklappen abziehen! Selber und/oder mit Hilfe! Hauptsache – weg mit der selbstgeschaffenen, künstlichen Sicherheit.
Ich erfreue mich an dem Gedanken, dass nicht jedes individuelles Problem, persönlich nachhaltig gelöst werden kann und muss.
Wir sollten fair, offen und ehrlich mit uns und unserem Gegenüber sein.
Wenn ihr das Gefühl habt, ihr braucht mehr Feuer und Emotionen zum Entfachen – lest oder hört euch das Buch „Das Ende der Ehe. Für eine Revolution der Liebe“ an! Es ist wunderbar. Danke Emilia!
Es war schön wieder Dampf abzulassen – und das Ventil nicht von meinem inneren Kritiker zerstören zu lassen. Sucht euch eure und macht euch eine gute Zeit!
Ich bin gespannt, was mir auf den nächsten 300 Seiten blüht.
Wir hören, sehen und lesen uns.
Eure Joana.
